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Meinung
Mar. 01, 2019 | 21:25 Uhr

Viele vergleichen Anthem mit Online-Shootern wie Destiny, The Division oder Warframe. Unser Autor Schuhmann sieht die Wurzeln von Anthem eher in BioWares eigenem MMORPG Star Wars: The Old Republic.

Das steckt hinter den vielen Destiny-Vergleichen: Die Leute fragen sich immer, warum Destiny mit Anthem verglichen wird. Das ergebe doch aus Gameplay-Perspektive keinen Sinn. Das eine ist ein First-Person-Shooter, das andere ist ein Third-Person-RPG.

Dennoch kommt wieder wieder und der Vergleich auf und erntet dann wütende Reaktionen der Spieler.

Dazu muss man wissen: Die Vergleiche rühren aus der Entwicklung der Gaming-Industrie in den letzten 5 oder 6 Jahren. Da heißt der große Trend „Games as a service.“

javelins-anthem

Das sind Games-as-a-Service: Zwei Spiele gelten als Vorreiter in diesem Service-Trend.

  • RockStar brachte 2013 GTA Online auf den Markt – da wurde eine bestehende Franchise mit einem neuen Service-Titel fortgesetzt
  • Bungie folgte 2014 mit Destiny nach – die erste neue Marke, die als so ein Service-Titel funktionierte

Die Spiele nannte man später „Service-Games“ oder „Live Games“, weil es Spiele waren, die immer weitergehen sollten – wie eine Dienstleistung.

  • Der Kauf eines Spiel war früher auf den Konsolen ein Geschäft, das an der Ladentheke abgewickelt wurde: Spieler kauften ein Spiel an der Kasse und fertig. Geschäftsbeziehung zu Ende.
  • Mit GTA Online gingen Spieler eine längere Geschäftsbeziehung mit einem Spiel ein. Die Entwickler entwickelten das Game immer weiter, die Spieler bezahlten dafür immer weiter – wie für eine Dienstleistung, für ein Service.

Schnell wurde klar: GTA Online und Destiny waren große Hits für ihre Entwickler und verdienten Abermillionen.

GTA 5 Geld Geschenkt Titel

Deshalb dachten Experten, dass auch weitere Studios auf diesen Zug springen würde. Damit hatten sie auch völlig Recht – fast jeder große Publisher ist in den letzten Jahren auf Games-as-s-service umgeschwenkt und lobt sich für diese weise Entscheidung:

In dieses Schema „Live-Game“ passt auch Anthem von BioWare. Das war zwar schon lange in Entwicklung, als Destiny kam, wurde aber erst vorgestellt, als gerade alle ihre „Games-as-a-service“-Titel präsentierten.

Rasch wurden Anthem die Etiketten „Science-Fiction“ und „Loot-Shooter“ angeklebt.

Deshalb vermuteten viele, Anthem wäre aus dem Wunsch von Electronic Arts entstanden, selbst ein eigenes „Destiny“ im Stall zu haben, das über Jahre Geld einbringt.

Anthem Balkon

Das ist der Haken an der Theorie: Die Leute übersehen gerne, dass GTA Online und Destiny nur die ersten „großen Service“-Spiele auf den Konsolen PlayStation und Xbox waren und so einen Trend etablierten, dem dann viele folgten.

Das eigentliche Modell „Games as a Service“ gab es auf dem PC schon etwa 20 Jahre. Denn MMORPGs wie Everquest (1999 – 25 Erweiterungen) oder andere Online-Spiele wie League of Legends (2009 – 134 Helden) funktionieren schon immer nach diesem Service-Modell.

Neu war 2013 lediglich, dass jetzt große Action-Blockbuster-Titel im Mainstream für PlayStation und Xbox One auch dieses Modell nutzten.

SWTOR Shadow of Revan Keyart Resize

Das sind die Wurzeln von Anthem: BioWare hat mit der Entwicklung von Anthem 2012 begonnen. Das war ein völlig anderer Spielemarkt als heute.

Damals waren MMORPGs noch im Trend. Ein Online-Rollenspiel, das in jener Zeit startete, war Star Wars: The Old Republic, das eigene MMORPG von BioWare, wenn auch von einer anderen Abteilung.

Star Wars: The Old Republic kam erst im Dezember 2011 heraus und galt damals als riesiger Angriff auf den Platzhirschen World of Warcraft.

Wenn ich heute Anthem spiele, habe ich das Gefühl, Anthem hat seine Wurzeln in dieser Zeit und in diesem Genre.

Es ist so, als hätte sich BioWare 2012 überlegt, wie ein MMORPG 5 Jahre oder mehr in der Zukunft aussehen würde. Daher sehe ich die Wurzeln von Anthem auch nicht bei Destiny, sondern eher in den MMORPGs aus der Zeit, als Anthem entwickelt wurde.

Anthem Javelin wie Iron Man

Die Features von BioWare passen zu einem weitergedachten MMORPG:

  • Automatisiertes Matchmaking – So sind Spieler immer in einer Gruppe, ohne sich darum zu kümmern, Freunde finden zu müssen. Das lieben Leute an MMORPGs, hat WoW bewiesen
  • Bisher Kein PvP – ist ein Balance-Albtraum, kam auch bei vielen MMORPGs nicht wahnsinnig gut an, die eher fürs PvE gespielt wurden
  • Fokus auf Story wie bei einem Singleplayer-RPG – gute Sache auch für SWTOR
  • Actionreicher Kampf – einer der großen Kritikpunkte bei SWTOR war, dass das Kampfsystem nicht zum Setting passt. Die Leute wollten nicht nur wie ein Jedi reden, sondern auch wie einer kämpfen

Anthem-Colossus

  • Weniger Massive – damit die Performance funktioniert und das Spiel besser aussehen kann
  • Fliegen – als eine besondere Form, sich durch eine Welt zu bewegen. Die Leute waren bei Spielen wie WoW oder Aion verrückt danach
  • Einstellbare Schwierigkeitsgrade – um denselben Content mehrfach zu nutzen. Hat WoW etabliert, ist ein Standard in vielen MMORPG
  • Machtphantasie erfüllen – ganz wichtiger Teil von MMORPGs. Anthem startete mit der Idee, aus Spielern „Superhelden“ zu machen

Wenn man Anthem spielt, fühlt es sich denn auch mehr wie ein Online-RPG als ein Shooter an. Der Schwerpunkt liegt klar auf den Skills. Zwar hat man Waffen wie in einem Shooter, es ist aber wichtiger, die Skills über Hotkeys zu drücken. Da kommt der Schaden her.

Wenn man den Colossus mit bestimmten Items spielt, sieht man sogar typische Boden-Effekte, die man in der Ferne legen und steuern kann – typisch für ein MMORPG.Anthem-Colossus

Viele Kritikpunkte, die gegen Anthem geäußert werden, sind Punkte, die in MMORPGs total normal sind und nur seltsam wirken, wenn man Anthem als Shooter begreift:

  • Mobs kommen einfach irgendwo her, ohne dass es viel Sinn ergibt – Jau, sind eben Trashmobs
  • Die Waffen fühlen sich nicht sonderlich einzigartig an – Sind auch nur die Autoattacks, die fühlen sich nirgendswo toll an: der Fokus des Kampfsystems liegt auf den Skills
  • Gegner verhalten sich stupide, sind komisch verteilt, folgen keinen klaren Mustern – Wie in MMORPGs eben. Nur die Bosskämpfe erfordern Taktik, den Rest klatscht man gedankenlos um

Alles Kritikpunkte, die einem kaum in den Sinn kommen, wenn man Anthem als „MMORPG light“ begreift und nicht als Online-Shooter.

Colossus-anthem-feuergefecht

Das ist mein Gefühl: Ich hab den Eindruck, wenn man Anthem weniger als Shooter oder Loot-Shooter begreift und mehr als ein „MMORPG light“, als ein Online-RPG, versteht man eher, was einen im Spiel erwartet. Der stärkste Vergleich ist für mich daher nicht Destiny, Division oder Warframe, sondern tatsächlich eine Art „SWTOR mit Action-Inhalten und anderem Setting.“

Anthem ist für mich ein bisschen so, als hätte sich BioWare 2012 überlegt, wie MMORPGs in Zukunft aussehen und dann einen anderen Weg beschritten als Titel wie Guild Wars 2, ESO oder Black Desert in den Jahren darauf. Alles Spiele, die auch solo gut funktionieren sollten.

Anthem ist sozusagen eine Art „alternative MMORPG-Realität.“ Ja, Puristen wird das „Massive“ fehlen – damit hat Anthem nichts am Hut. Viele der Mechaniken und wie sich das Spiel anfühlt, erinnern aber eher an ein modernes MMORPG als an einen Online-Shooter.

Ich wäre etwa nicht überrascht, wenn sich das „besonders coole Ding am Sonntag“ als ein Massen-Event entpuppt, dem dann mehr als 4 Spieler automatisch beitreten können. Der Shaper Storm wäre dann eine Art World-Event für mehrere Gruppen. Auch das war ein typische MMORPG-Idee aus der Zeit, als Anthem entstand.

von Schuhmann
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